Der Transfer-Coup der Jackson-Brüder nach Deggendorf

Das europäische Eishockey-Scouting befindet sich im Wandel. Während traditionell Ligen wie die ECHL oder die britische EIHL als primäre Quellen für Importspieler in den deutschen Ligen dienten, rückt zunehmend eine andere Talentschmiede in den Fokus! Die nordamerikanische College-Liga NCAA. Ein herausragendes Beispiel für diese Entwicklung ist der Deggendorfer SC in der Oberliga Süd. Mit der Verpflichtung der kanadischen Zwillingsbrüder Dylan und Ty Jackson ist dem Verein ein absoluter Transfer-Coup gelungen, der in der gesamten Eishockey-Szene für Aufsehen sorgt. Dieser Schritt beweist nicht nur höchste Scouting-Kompetenz, sondern wirft auch die Frage auf, ob die NCAA die Zukunft für deutsche Eishockey-Ligen darstellt.

Die Jackson-Brüder: Von der NCAA an die Spitze der Oberliga Süd

Dylan und Ty Jackson, geboren im Jahr 2001 in Oakville (Ontario) haben eine beeindruckende Entwicklung im nordamerikanischen Eishockey durchlaufen. Nach erfolgreichen Stationen in der GTHL, OJHL und der USHL, wo sie bereits ihre offensiven Qualitäten unter Beweis stellten, setzten sie ihre Karriere in der renommierten NCAA fort. Zunächst liefen sie für die Northeastern University auf, bevor sie zur Arizona State University wechselten. In der höchsten College-Liga der USA sammelten sie wertvolle Erfahrungen auf einem extrem hohen physischen und taktischen Niveau.

Der Wechsel der beiden Stürmer zum Deggendorfer SC zur Saison 2025/26 erwies sich als absoluter Volltreffer. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Dylan Jackson verbuchte in 48 Spielen herausragende 105 Punkte, bestehend aus 52 Toren und 53 Assists. Sein Bruder Ty Jackson stand ihm in nichts nach und erzielte in 50 Spielen 103 Punkte durch 38 Tore und 65 Vorlagen. Mit diesen Werten dominieren sie die Liga und unterstreichen, welches enorme Potenzial in Spielern aus dem College-System steckt. Dass ein Verein aus der dritten deutschen Liga zwei derart hochkarätige, junge Talente direkt aus der NCAA verpflichten kann verdient absoluten Respekt.

Scouting-Kompetenz par excellence: Wie lotst man solche Talente nach Deggendorf?

Die Verpflichtung von Spielern dieses Kalibers ist kein Zufall, sondern das Resultat exzellenter Netzwerkarbeit und eines tiefgreifenden Verständnisses für den nordamerikanischen Spielermarkt. Um junge Talente aus der NCAA nach Deutschland zu lotsen, bedarf es mehr als nur finanzieller Argumente. Oftmals suchen diese Spieler nach einer Plattform, auf der sie sich im professionellen Herren-Eishockey etablieren und viel Eiszeit in einer verantwortungsvollen Rolle erhalten können.

Der Deggendorfer SC hat hier offensichtlich die perfekten Rahmenbedingungen geschaffen. Die sportliche Perspektive in der ambitionierten Oberliga Süd, kombiniert mit einer professionellen Infrastruktur und der Möglichkeit, als Schlüsselspieler aufzutreten sind entscheidende Faktoren. Ein solches Scouting erfordert detaillierte Videoanalysen, persönliche Kontakte zu College-Trainern und das Gespür dafür, welche Spieler charakterlich und spielerisch in das europäische System passen. Dieser Transfer zeigt eindrucksvoll: So geht Scouting und Kompetenz im modernen Eishockey.

Der direkte Sprung: Seltenheit und klare Muster

Oftmals führt der Weg nordamerikanischer College-Spieler über Zwischenstationen in der AHL oder ECHL nach Europa. Ein direkter Wechsel von der NCAA nach Deutschland – also unmittelbar in der Saison nach dem letzten College-Jahr – ist deutlich seltener, kommt aber vor und zeigt klare Muster.

In der DEL sind es häufig Spieler mit deutschem Pass die direkt aus dem College geholt werden, da sie nicht unter das Ausländerkontingent fallen. Beispiele hierfür sind Parker Tuomie (von der Minnesota State University direkt zu den Eisbären Berlin, wo er 2020/21 sofort Meister wurde), Evan Kaufmann (2008/09 direkt zur DEG) oder ganz aktuell der gebürtige Deutsche Timo Bakos (2025/26 von der Lake Superior State University zu den Nürnberg Ice Tigers).

In der Oberliga beweist der Deggendorfer SC, dass man mit mutigem Direktscouting echte Volltreffer landen kann. Neben den Jackson-Brüdern verpflichtete der DSC für die Saison 2025/26 mit Harrison Roy (zuvor Merrimack College) gleich noch einen dritten Spieler direkt aus der NCAA. Roy lieferte in seiner ersten Profisaison in Europa überragende 74 Punkte in 49 Spielen ab. Dass ein Verein gleich drei Spieler direkt aus dem College holt und diese derart einschlagen, ist ein absolutes Novum. Doch auch andere Oberligisten ziehen nach: Die Erding Gladiators sicherten sich für 2025/26 die Dienste von Grady Hobbs, der als College-Kapitän direkt vom Rochester Institute of Technology in die Oberliga Süd wechselte.

Die NCAA als Talentschmiede: Qualität auf höchstem Niveau

Die NCAA hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Entwicklungsligen für den professionellen Eishockeysport entwickelt. Das Spielniveau ist enorm hoch und die Liga bringt regelmäßig Spieler hervor, die später in der NHL Fuß fassen oder sogar direkt von NHL-Franchises gedraftet werden. Die Kombination aus intensiver sportlicher Förderung, erstklassigen Trainingsbedingungen und einer akademischen Ausbildung macht das College-System für viele junge Athleten äußerst attraktiv.

Im Gegensatz zu Profiligen wie der ECHL oder der AHL haben die Spieler in der NCAA oft mehr Zeit für individuelles Training und physische Entwicklung, da der Spielplan weniger dicht getaktet ist. Dies führt dazu, dass Spieler die aus der NCAA nach Europa wechseln, taktisch hervorragend geschult und körperlich in Topform sind. Zudem sind sie oft jünger und hungriger als Spieler, die bereits jahrelang in den nordamerikanischen Minor Leagues gespielt haben.

Zukunftsausblick: Bleibt es querbeet oder dominiert bald die NCAA?

Stellt die NCAA also die alleinige Zukunft für das Recruiting deutscher Klubs dar? Die Antwort ist differenziert zu betrachten. Zweifellos wird der Anteil an College-Spielern in Ligen wie der DEL, DEL2 und der Oberliga weiter steigen. Die Erfolgsgeschichten von Spielern wie den Jackson-Brüdern oder Harrison Roy werden andere Vereine dazu ermutigen, diesen Markt intensiver zu scouten.

Dennoch wird das Recruiting im deutschen Eishockey voraussichtlich ein „Querbeet“-Ansatz bleiben. Ligen wie die ECHL, die AHL oder auch europäische Ligen wie die EIHL, Schweden und Finnland bieten weiterhin einen großen Pool an erfahrenen Profis. Ein ECHL-Veteran bringt beispielsweise eine Routine und Härte mit, die einem jungen College-Absolventen möglicherweise noch fehlt. Zudem müssen Vereine die spezifischen Anforderungen ihrer jeweiligen Liga berücksichtigen. Gerade in der Oberliga, in der die Staffeln Nord und Süd unterschiedliche Spielmodi und Playoff-Strukturen aufweisen, können je nach taktischer Ausrichtung und regionalen Gegebenheiten unterschiedliche Spielertypen gefragt sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die NCAA eine immer wichtigere, aber nicht die einzige Quelle für Top-Transfers im deutschen Eishockey sein wird. Der Deggendorfer SC hat mit der Verpflichtung von Dylan Jackson, Ty Jackson und Harrison Roy jedoch eindrucksvoll bewiesen, welch enormes Potenzial in diesem Markt schlummert. Es ist ein Transfer-Coup, der als Blaupause für innovatives und erfolgreiches Scouting in Deutschland dienen kann.