Warum Deutschland einen anderen Weg geht
Jedes Jahr zur Jahreswende versammeln sich die besten Nachwuchsspieler zur U20-Weltmeisterschaft, wo sie ein faszinierendes Schaufenster für die Zukunft des Eishockeysports bieten. Doch hinter den Toren und Triumphen auf dem Eis verbirgt sich eine tiefere Geschichte, nämlich die der unterschiedlichen Philosophien und Strukturen in der Nachwuchsförderung. Während Nationen wie Schweden, Finnland oder Russland ihre Toptalente bereits in den höchsten heimischen Profiligen gegen gestandene Männer antreten lassen, verfolgt Deutschland einen deutlich anderen bzw. vielschichtigeren Ansatz. Deutsche Junioren sammeln ihre Erfahrungen oft in der nordamerikanischen Canadian Hockey League (CHL), an US-Colleges (NCAA) oder in der heimischen DEL2. Dieser Artikel beleuchtet die fundamentalen Unterschiede zwischen diesen Nachwuchssystemen und erklärt, warum der deutsche Weg – maßgeblich geprägt durch eine Strategie der Ausländerlizenzen und Naturalisierungen – sowohl eine Notwendigkeit als auch eine Herausforderung darstellt.
Das deutsche Nachwuchssystem: Zwischen zwei Welten
Das deutsche Eishockey hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen und sich zu einem ernstzunehmenden Produzenten von NHL-Elitetalent entwickelt. Das Herzstück des Systems ist die Deutsche Nachwuchsliga (DNL), die vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB) organisiert wird und die besten U17- U20-Teams des Landes umfasst. Sie dient als primäre Brücke zum professionellen Eishockey, insbesondere zur Deutschen Eishockey Liga (DEL). Die DNL wurde in den letzten Jahren konsequent weiterentwickelt und professionalisiert, um den Anschluss an die internationalen Standards zu halten. Die Spieler trainieren mehrmals wöchentlich unter professionellen Bedingungen und absolvieren eine Saison mit etwa 40 bis 50 Spielen, was eine intensive Wettkampferfahrung auf hohem Niveau ermöglicht.
Der Erfolg des Systems lässt sich maßgeblich auf die Professionalisierung und den ganzheitlichen Akademie-Ansatz zurückführen, der von Spitzenklubs wie den Jungadler Mannheim vorangetrieben wird. Dieses Modell das Stars wie Leon Draisaitl, Moritz Seider und Tim Stützle hervorgebracht hat, legt den Fokus auf professionelles Training, spezialisierte Trainer und eine umfassende Betreuung in den Bereichen Kondition, Schule und Ernährung. Die Akademie-Philosophie setzt auf Qualität statt Quantität – Weniger Spiele, dafür mehr Zeit für gezieltes Training, Regeneration und persönliche Entwicklung.
Für die meisten deutschen Junioren ist der direkte Sprung von der DNL in die DEL jedoch kaum realisierbar. Ein Hauptgrund dafür ist die hohe Anzahl an Ausländerlizenzen in der höchsten deutschen Spielklasse. Mit bis zu neun Importspielern pro Spieltag im Kader ist die Konkurrenz enorm, und die wertvollen Eiszeiten gehen oft an erfahrenere, ausländische Profis.
Folglich ist die DEL2 (Deutschlands zweithöchste Profiliga) für die überwiegende Mehrheit der deutschen Toptalente der entscheidende und realistischste Entwicklungsschritt. Hier können junge Spieler die notwendige und umfangreiche Erfahrung im Männerbereich sammeln, die für eine Profikarriere unerlässlich ist. Die DEL2, die mit einer strengeren Ausländerregelung von nur vier Importspielern pro Team operiert, bietet deutschen Talenten deutlich mehr Raum und Verantwortung. Ein perfektes Beispiel hierfür ist der Weg junger deutscher Torhüter. NHL-Draft-Picks wie Arno Tiefensee (Dallas Stars) und Nikita Quapp (Carolina Hurricanes) verbrachten entscheidende Entwicklungsjahre als Stamm- oder Backup-Goalies in der DEL2 bei den Heilbronner Falken bzw. den Lausitzer Füchsen, über Förderlizenzen ihrer DEL-Klubs (Adler Mannheim, Eisbären Berlin). Diese Förderlizenz-Regelung ist typisch für den deutschen Weg – Junge Talente erhalten ihre Entwicklungszeit in der DEL2, während sie formal bei einem DEL-Klub unter Vertrag stehen. Diese Liga fungiert somit als das eigentliche Sprungbrett, auf dem sich die Spieler für höhere Aufgaben in der DEL oder für den Sprung nach Nordamerika empfehlen.
Gleichzeitig bleibt der Weg nach Nordamerika für die größten Talente äußerst attraktiv. Die kanadischen Juniorenligen der CHL (bestehend aus WHL, OHL und QMJHL) oder die US-amerikanische College-Liga NCAA bieten maximale Aufmerksamkeit von NHL-Scouts und eine extrem hohe Wettkampfdichte. Die CHL gilt als eine der besten Juniorenligen der Welt, mit einem Spielplan von über 60 Spielen pro Saison plus Playoffs. Für deutsche Talente bedeutet der Wechsel nach Nordamerika nicht nur sportliche Herausforderungen, sondern auch kulturelle Anpassungen und die Trennung von Familie und Freunden in jungen Jahren. Insbesondere der NCAA-Weg ist verlockend, da er hochklassiges Eishockey mit einer erstklassigen und kostenlosen Ausbildung verbindet – ein unschätzbarer Vorteil für Spieler, deren Profikarriere nicht garantiert ist.
Der Erfolg von Spielern die unterschiedliche Wege gegangen sind (Draisaitl über die CHL, Seider über die DEL), zeigt, dass das deutsche System mittlerweile mehrere glaubwürdige Pfade an die Weltspitze bietet. Diese Vielfalt ist sowohl Stärke als auch Schwäche! Einerseits können Spieler den für sie optimalen Weg wählen, andererseits fehlt Deutschland ein einheitlicher, durchgängiger Entwicklungspfad wie in Schweden oder Finnland.
Das schwedische Modell: Vom Verein zur SHL
Das schwedische Nachwuchssystem oft als das „schwedische Modell“ bezeichnet, verfolgt eine Philosophie, die auf Spaß, Kreativität und langfristiger Entwicklung basiert. Der Grundgedanke ist, dass Spieler das Spiel in einer Umgebung erlernen sollen, die Fehler erlaubt und die individuelle Kreativität fördert. Dies darf jedoch nicht mit einem Mangel an Ehrgeiz oder fehlenden wirtschaftlichen Interessen verwechselt werden. Auch im schwedischen System geht es letztlich um Erfolg, Sponsoren und Geld – genau wie überall im Profisport. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Strategie: Anstatt auf frühe Selektion, Leistungsdruck und Ausländerlizenzen zu setzen, wird versucht durch eine positive und entwicklungsfördernde Umgebung die Teilnehmerzahl zu maximieren und Burnout zu minimieren. Schweden setzt bewusst auf Eigenentwicklung statt auf Importe, um eine nachhaltige Pipeline von hochklassigen, einheimischen Talenten zu schaffen.
Ein zentrales Merkmal ist das Ein-Verein-Modell, bei dem Spieler in der Regel ihrem Heimatverein treu bleiben, was den Druck auf Familien reduziert, ständig nach besseren Möglichkeiten zu suchen. Dieses Modell fördert die Identifikation mit dem Klub und schafft ein stabiles soziales Umfeld, das für die persönliche Entwicklung junger Spieler von unschätzbarem Wert ist. Im Gegensatz zu Nordamerika, wo Talente oft schon früh zu Elite-Akademien wechseln, bleibt in Schweden die Verbindung zur Heimatstadt und zum lokalen Verein bestehen.
Die höchste Juniorenliga ist die U20 Nationell (früher J20 SuperElit), die eng mit den Klubs der höchsten Profiliga, der Swedish Hockey League (SHL) und der zweitklassigen HockeyAllsvenskan verbunden ist. Die Liga besteht aus 20 Teams und repräsentiert die Elite des schwedischen Nachwuchseishockeys. Ein entscheidender Vorteil – Die Juniorenteams von SHL-Klubs können nicht aus der U20 Nationell absteigen, was eine stabile Entwicklungsplattform garantiert und den Fokus auf langfristige Entwicklung statt kurzfristigen Erfolg ermöglicht.
Die Integration von Junioren in die SHL ist ein Kernstück des Systems und wird aktiv gefördert. Junge Talente pendeln oft zwischen U20- und SHL-Spielen und sammeln so wertvolle Erfahrungen auf höchstem Niveau. Es ist keine Seltenheit, dass ein 18-jähriger Spieler am Freitagabend für die U20 Nationell spielt und am Samstagabend bereits im Kader der SHL-Mannschaft steht. Diese Flexibilität erlaubt es den Vereinen, ihre Talente behutsam an das höhere Niveau heranzuführen ohne sie zu überfordern. Die SHL ist eine der besten Ligen Europas und wird oft mit der amerikanischen AHL verglichen, was die Qualität der Erfahrung unterstreicht, die junge Spieler hier sammeln können.
Spieler wie Jonathan Lekkerimäki, Elias Pettersson oder Leo Carlsson sind jüngste Beispiele für Talente, die diesen Weg erfolgreich beschritten haben und als beste Junioren der SHL ausgezeichnet wurden. Beide haben bereits in jungen Jahren bewiesen, dass sie sich gegen gestandene Profis behaupten könnenund sind mittlerweile in der NHL angekommen. Diese Erfolgsgeschichten bestätigen die Effektivität des schwedischen Modells – nicht trotz, sondern wegen des Fokus auf Eigenentwicklung.
Das finnische System: Pyramide der Exzellenz
Finnland setzt auf eine klare Pyramidenstruktur, die einen durchgehenden Weg von den jüngsten Altersklassen (U8) bis in den Profibereich vorgibt. Jeder finnische Eishockeyverein betreibt Jugendprogramme über alle Altersklassen hinweg, wobei die Altersbezeichnung das maximale Alter für die Teilnahme angibt. Die Spitze der Juniorenligen bildet die U20 SM-sarja (früher Jr. A SM-Liiga), das letzte Sprungbrett vor dem professionellen Eishockey. Unterhalb der U20-Ebene ist das System in U18- und U16-Ligen sowie weitere Unterteilungen in AAA-, AA- und A-Level für U15 und jünger gegliedert.
Eine Besonderheit des finnischen Modells ist der wissenschaftlich fundierte, pädagogische Ansatz in den Grundlagen. Für junge Spieler (U8-U12) wird ein starker Fokus auf Small Area Games (SAGs) und Kleinfeldspiele gelegt. Studien der IIHF und des finnischen Verbands haben gezeigt, dass diese Spielformen die technischen Wiederholungen und die Puckberührungen für jeden Spieler maximieren und so die Entwicklung deutlich effizienter gestalten als das Spiel auf dem vollen Feld. Das traditionelle 5-gegen-5-Spiel auf vollem Eis wurde als das ineffizienteste Format für die technische Entwicklung identifiziert, da es die Spielerbeteiligung und die Anzahl der Puckkontakte reduziert. Durch SAGs wird nicht nur die technische Entwicklung gefördert, sondern auch eine angenehmere Lernumgebung geschaffen, die entscheidend für die langfristige Spielerbindung ist.
Die Integration in die Liiga, die höchste finnische Profiligaerfolgt flexibel und leistungsorientiert, nicht über feste Quoten oder starre Regeln. Das finnische Ligasystem mit Auf- und Abstieg zwischen Liiga, Mestis (zweite Liga) und Suomi-Sarja (dritte Liga) ist durchlässig und meritokratisch. Talentierte Junioren werden oft für einzelne Spiele oder kurze Einsätze in die erste Mannschaft berufen, um sich gegen ältere Spieler zu beweisen und erste Erfahrungen im Profisport zu sammeln. Diese Praxis ermöglicht es den Trainern, das Potenzial der Spieler realistisch einzuschätzen und sie gezielt weiterzuentwickeln.
Das Mindestalter für einen Einsatz in der Liiga beträgt 15 Jahre. Die finnische Eishockeygeschichte ist reich an Beispielen für Ausnahmetalente, die die U20-Stufe quasi übersprungen haben. Aleksander Barkov debütierte am 1. Oktober 2011 im Alter von nur 16 Jahren und 29 Tagen für Tappara und wurde in derselben Nacht zum jüngsten Spieler, der je einen Punkt in der Liiga erzielte. Verteidiger Mikko Kokkonen hält sogar den Rekord als jüngster Spieler der Ligageschichte, als er am 18. Oktober 2016 mit 15 Jahren und 274 Tagen für Jukurit auflief. Bekannte Stars wie Mikko Rantanen (Debüt mit 16 für TPS) und Jesse Joensuu (Debüt mit 15 für Ässät) sammelten ebenfalls extrem früh Erfahrungen auf höchstem Niveau. Diese Flexibilität, gepaart mit einem stark in der Gemeinschaft verwurzelten Klubsystem ist ein Schlüssel für den erfolgreichen Übergang finnischer Talente in den Profibereich.
Das russische System: Der KHL-Express
Das russische Nachwuchssystem ist stark zentralisiert und darauf ausgelegt, Talente direkt in die Kontinental Hockey League (KHL), die als beste Liga außerhalb der NHL gilt zu schleusen. Die Struktur ist dreigeteilt – die KHL als Spitze, die Supreme Hockey League (VHL) als zweite Profiliga und die Junior Hockey League (MHL) als höchste Juniorenliga (U20). Die MHL (offiziell als Molodezhnaya Hokkeinaya Liga bezeichnet) hat eine Altersgrenze von 20 Jahren. Ihr Meisterschaftspokal ist der prestigeträchtige Kharlamov Cup. Fast alle MHL-Teams sind direkt einem KHL- oder VHL-Klub als Farmteam zugeordnet, was einen nahtlosen Übergang ermöglicht und eine klare Entwicklungsperspektive für die Spieler schafft.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die „Designated Junior“-Regel der KHL, die als obligatorischer Anreiz für die Integration junger Spieler fungiert. Diese Regel erlaubt es KHL-Teams zusätzlich zu ihrem regulären Kader von 20 Spielern (18 Feldspieler und zwei Torhüter) zwei junge Spieler aus ihrem MHL-Team für ein Spiel zu nominieren. Einer dieser Plätze muss von einem Spieler besetzt werden, der 19 Jahre alt oder jünger ist, was direkt auf die Integration von 18-Jährigen abzielt. Diese Designated Juniors müssen Feldspieler sein und eine russische Staatsbürgerschaft für den russischen KHL-Klub besitzen. Wenn ein Designated Junior in mindestens 30 Prozent der Spiele seines Teams eingesetzt wird und für die U20-Nationalmannschaft nominiert wird, darf das KHL-Team den Platz vorübergehend mit einem Spieler beliebigen Alters besetzen, was die Nutzung hochpotenter junger Spieler weiter fördert.
Diese Regel zwingt die Vereine, ihren Top-Talenten Eiszeit und Erfahrung auf höchstem Niveau zu geben. Die Liste der Spieler die diesen Weg erfolgreich gegangen sind ist lang und prominent. Neben den bereits erwähnten Superstars wie Kirill Kaprizov, Ivan Demidov sowie dem aufstrebenden Roman Kantserov haben auch andere NHL-Größen ihre Karrieren in diesem System geschmiedet. Artemi Panarin debütierte bereits mit 17 Jahren in der KHL und entwickelte sich über sieben Saisons bei Vityaz Chekhov und SKA St. Petersburg zu einem dominanten Spieler, bevor er als Free Agent in die NHL wechselte. Vladimir Tarasenko spielte fünf Saisons in der KHL, nachdem er von den St. Louis Blues gedraftet wurde. Ebenso die beiden Superstars von den Tampa Bay Lightning mit Nikita Kucherov und Andrei Vasilevskiy, sammelten nach ihrer Zeit in der MHL entscheidende Profi-Erfahrung in der KHL, bevor sie mit Anfang 20 nach Nordamerika kamen und die NHL eroberten. Diese Spieler betreten die NHL-Bühne oft als gestandene Profis, die bereits mehrere Jahre Erfahrung im harten Wettbewerb der KHL gesammelt haben.
Ausländerquoten und Naturalisierungen: Die strategische Weggabelung
Ein entscheidender oft übersehener Faktor der die unterschiedlichen Entwicklungswege maßgeblich beeinflusst, sind nicht nur die Regelungen für ausländische Spieler, sondern auch die Strategie, wie Länder mit ihrer Spielerbasis umgehen. Hier zeigt sich ein klares Bild, warum die Türen zur höchsten Spielklasse für junge einheimische Spieler in einigen Ländern weiter offen stehen als in anderen.
Die Ausländerquoten im Überblick:
Deutschland (DEL & DEL2): Die DEL erlaubt ihren Klubs, bis zu neun ausländische Spieler pro Spiel aufzubieten, bei insgesamt elf lizenzierten Importspielern pro Saison. Dies führt zu einem extrem hohen Anteil an ausländischen Spielern, der in der Saison 2024/25 bei rund 45 % lag. Die DEL2 ist mit einer Beschränkung auf vier (6 Lizenzen) Importspieler deutlich strenger, was deutschen Talenten mehr Eiszeit und Verantwortung ermöglicht.
Russland (KHL): Die KHL verfolgt eine moderate Politik. Für die Saison 2024/25 liegt das Limit bei fünf ausländischen Spielern pro Team im Spielkader (erhöht von drei in der Vorsaison). Diese Regel zielt darauf ab, die Entwicklung russischer Spieler zu fördern, während gleichzeitig die Qualität der Liga durch selektive Importe erhalten bleibt.
Schweden (SHL) & Finnland (Liiga): Aufgrund der EU-Arbeitsgesetze gibt es in der SHL und der Liiga keine formale Beschränkung für Spieler aus EU-Ländern. Der Anteil ausländischer Spieler liegt in beiden Ligen bei etwa 25-26 %. Die SHL nutzt zusätzlich ökonomische Hürden wie ein hohes Mindestgehalt für Importspieler, um die Qualität hochzuhalten.
Das Einbürgerungs-Phänomen:
Doch die bloße Ausländerquote erzählt nicht die ganze Geschichte. Deutschland nutzt zusätzlich eine Strategie, die es von Schweden, Finnland und Russland fundamental unterscheidet: die systematische Einbürgerung von Ausländern. Während Schweden und Finnland ihre Talente primär aus der eigenen Bevölkerung entwickeln, hat Deutschland eine andere Strategie gewählt. Die DEL hatte im Jahr 2024 bereits 31 naturalisierte Spieler in ihren Reihen, mit weiteren 55 Kandidaten in der Pipeline. Diese Spieler oft von deutscher Abstammung oder nach ausreichender Aufenthaltsdauer, erhalten die deutsche Staatsbürgerschaft und werden dadurch nicht mehr als Ausländer gezählt – was wiederum neue Importplätze für weitere Ausländer freimacht.
Die strategische Differenz:
Diese Einbürgerungspraxis ist nicht „schlecht“ oder „falsch“ – sie ist eine rationale Antwort auf Deutschlands kleinere Spielerbasis. Sie offenbart einen fundamentalen strategischen Unterschied zu den nordischen Ländern:
• Deutschland: Kompensiert die kleinere Spielerbasis durch hohe Ausländerquoten und Naturalisierungen. Das System ist kurzfristig leistungsorientiert und ermöglicht schnelle Erfolge (wie die Olympia-Silbermedaille 2018), schafft aber keine nachhaltige Pipeline einheimischer Talente.
• Schweden & Finnland: Setzen bewusst auf Eigenentwicklung trotz des wirtschaftlichen Drucks und der Notwendigkeit, erfolgreich zu sein und Sponsoren zu gewinnen. Beide Länder haben deutlich kleinere Bevölkerungen als Deutschland, entwickeln aber kontinuierlich mehr NHL-Spieler. Schweden hatte in der Saison 2023/24 101 aktive NHL-Spieler, Finnland 40, während Deutschland nur 12 hatte.
• Russland: Nutzt eine mittlere Strategie mit moderaten Importquoten und fokussiert auf die Entwicklung russischer Talente durch das MHL-KHL-System.
Die Realität ist – Auch Schweden und Finnland kümmern sich um Erfolg, Sponsoren und Geld. Aber sie haben sich bewusst für einen anderen Weg entschieden – einen, der langfristig mehr Talente hervorbringt. Deutschland nimmt den „einfacheren“ Weg über Importe und Einbürgerungen, anstatt die notwendigen Investitionen in die systematische Entwicklung des eigenen Nachwuchses zu tätigen. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine strukturelle Realität, die erklärt warum deutsche Junioren oft in der DEL2 oder Nordamerika spielen, während ihre schwedischen und finnischen Altersgenossen bereits mit 18 Jahren in der Top-Liga gegen Männer antreten!
Der entscheidende Unterschied: Männer-Erfahrung vs. Junioren-Entwicklung
Der Kernunterschied zwischen dem deutschen Weg und dem der skandinavischen Länder oder Russlands liegt in der frühen Konfrontation mit dem Männersport. Während schwedische, finnische oder russische Top-Junioren mit 18 oder 19 Jahren regelmäßig in den besten Ligen Europas gegen Erwachsene spielen, sammeln ihre deutschen Altersgenossen entweder Erfahrungen in Juniorenligen in Nordamerika oder in der DEL2. Eine wegweisende IIHF-Studie aus dem Jahr 2006 hat die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Wege untersucht. Das Ergebnis war verblüffend: Europäische Spieler, die in den CHL-Juniorenligen in Nordamerika spielten hatten eine deutlich geringere Erfolgsquote (definiert als 400+ NHL-Spiele) von nur 4,2 % im Vergleich zu den 13,0 % der Spieler, die in ihren heimischen europäischen Ligen blieben und sich dort im Männerbereich durchsetzten.
Die Studie legt nahe, dass der extrem dichte Spielplan der CHL zwar intensive Wettkampferfahrung bietet, aber die Zeit für gezieltes Skill-Training reduziert – ein Eckpfeiler des europäischen Modells. Die frühe Erfahrung im professionellen Männer-Eishockey scheint den Spielern eine größere Reife, Struktur und Stabilität zu verleihen, was sich direkt auf ihre NHL-Tauglichkeit und ihre Leistungen bei der U20-WM auswirkt. Spieler wie Elias Pettersson (Schweden) oder Aleksander Barkov (Finnland) sind Beispiele für den Erfolg dieses Weges.
U20-WM-Erfolge im Vergleich
Die unterschiedlichen Philosophien spiegeln sich auch im Medaillenspiegel der U20-Weltmeisterschaften wider. Russland (inklusive der Sowjetunion/GUS) ist mit 13 Goldmedaillen die historisch erfolgreichste Nation der hier verglichenen Länder. Finnland folgt mit fünf, Schweden mit zwei Goldmedaillen. Deutschland hat bisher noch keine Medaille gewonnen. Diese Statistik zeigt eine klare Korrelation zwischen der frühen Integration von Talenten in hochklassige Profiligen und dem internationalen Erfolg auf U20-Niveau. Dennoch hat die deutsche Nationalmannschaft in den letzten Jahren immer wieder bewiesen, dass sie konkurrenzfähig ist und die Lücke zur Weltspitze langsam schließt, was auf die Früchte der jüngsten Reformen im deutschen Nachwuchseishockey hindeutet.
Fazit: Warum Deutschland anders ist – und was sich ändern könnte
Deutschlands Weg in der Nachwuchsförderung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis spezifischer Rahmenbedingungen und bewusster strategischer Entscheidungen. Eine im Vergleich zu den Top-Nationen kleinere Spielerbasis und eine geringere Dichte an Eisflächen stellen strukturelle Herausforderungen dar. Der Weg über Ausländerlizenzen und Naturalisierungen bietet zwar kurzfristige Erfolge und Wettbewerbsfähigkeit, opfert aber die langfristige Entwicklung einer nachhaltigen Pipeline von einheimischen Talenten.
Die positiven Entwicklungen sind jedoch unübersehbar. Das Akademie-Modell nach dem Vorbild der Jungadler Mannheim zeigt, wie durch Professionalisierung und ganzheitliche Betreuung Weltklassespieler geformt werden können. Die jüngsten gemeinsamen Anstrengungen von DEB, DEL und DEL2 zur Nachwuchsgewinnung sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Um langfristig zur Weltspitze aufzuschließen, könnte eine noch stärkere und frühere Integration der größten Talente in die DEL ein entscheidender Hebel sein – allerdings nur wenn dies mit einer Reduktion der Ausländerquoten oder einer bewussten Begrenzung von Einbürgerungen einherginge. Das würde bedeuten, dass Deutschland sich kurzfristig schwächen würde, um langfristig stärker zu werden – ein Opfer, das Schweden und Finnland bereits gebracht haben und das sich für sie ausgezahlt hat.
Deutschland kann von den Modellen in Schweden, Finnland und Russland lernen, muss aber seinen eigenen auf die spezifischen Gegebenheiten zugeschnittenen Weg weiterentwickeln. Die Zukunft des deutschen Eishockeys hängt davon ab, ob die Verantwortlichen bereit sind kurzfristige Erfolge gegen langfristige Nachhaltigkeit einzutauschen!
